Hilfe für meine beste Freundin

Hier können sich die Angehörigen der PPD/PPP-Betroffenen untereinander austauschen.

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Gänseblümchen36

Hilfe für meine beste Freundin

Beitrag von Gänseblümchen36 » 22:01:2016 16:26

Hallo zusammen,
ich bin ganz neu hier und würde mich freuen, mich hier mit Angehörigen aber auch Betroffenen austauschen zu können und Ratschläge von euch zu bekommen.
Ich glaube, mein Text wird etwas länger - sorry hierfür schon mal.

Bei mir geht es um meine beste Freundin. Wir sind inzwischen seit mehr als 16 Jahren befreundet und stehen uns seit jeher sehr nah.
Schon nach der Schule merkte ich, dass sie häufig zu Depressionen neigt bzw. darunter leidet. Depressionen kommen auch bei ihr in der Familie vor, sie ist also quasi auch ein Stück weit vorbelastet. Wenn es besonders schlimm war habe ich ihr immer geraten sich Hilfe zu suchen, zu einem Arzt zu gehen. Aber schon früher wollte sie davon immer nichts hören. Man würde sie dann in eine Klinik stecken, sie betäuben, sie wäre nicht mehr sie selbst. Viele Dinge die ihr in der Vergangenheit widerfahren sind, sind meiner Meinung nach noch nicht verarbeitet, so dass ihre psychische Stabilität nie wirklich groß war und sie immer sehr starke Selbstzweifel hat. So viel kurz zum Hintergrund.
Ich selbst habe sehr positive Erfahrungen mit Verhaltenstherapie gemacht. Aufgrund einer Essstörung, einhergehend mit Depressionen/ depressiven Verstimmungen, war ich vor 14 Jahren stationär in einer Klinik mit anschließender jahrelanger Verhaltenstherapie. Es hat mir unglaublich gut getan, ich würde sagen, dass ich heute eine sehr gute psychische Stabilität aufweise (auch wenn ich hin und wieder meine Therapeutin in „Notsituationen“ noch aufsuche).

Meine Freundin ist vor zwei Jahren nach Bayern gezogen. Ihr Freund hat dort einen neuen Job bekommen (die Karriereleiter einen Schritt rauf) und sie wollte gerne bei ihm bleiben, weiter mit ihm zusammen sein. Nach Bayern wollte sie nie. Und schon die Tatsache, dass es nach Bayern ging hat meiner Meinung nach den nächsten Schub ihrer Depressionen ausgelöst. Sie konnte einfach nichts positives an dem Umzug sehen, hat alles schwarz gemalt, alles negativ beschrieben. Einhergehend mit unglaublichen Ängsten vor Vereinsamung (da Freunde und Familie weit weg), Joblosigkeit (sie hatte innerhalb von 2 Wochen einen neuen Job in dem sie sich auch einigermaßen wohl gefühlt hat). Zudem hat sie zum damaligen Zeitpunkt nichts mehr für ihren Freund empfunden (nach eigener Aussage), da er "einfach so" diese Entscheidung getroffen hat. Aber sie hatte nach eigener Aussage keine andere Chance als mitzugehen.
Bei den beiden gab es immer Ups and Downs, sie sind sehr unterschiedlich. Aber sie haben natürlich auch eine breite Basis und Ebene auf der sie sehr gut zusammen passen. So hat sich beziehungsmäßig alles eigentlich wieder eingerenkt und es ging ihr zwischendurch auch wirklich sehr viel besser. Nichtsdestotrotz ist sie mit der Situation dort leben zu müssen sehr unzufrieden und sieht den Schuldigen dafür, dass es ihr nicht gut geht und dass sie ein Leben führt das sie selbst nicht wollte einzig in ihrem Freund. Sie hatte zu den Kollegen ganz guten Kontakt, diese waren aber nicht unbedingt nach ihrem Geschmack. Unternehmungen wie Sport oder sonstige Kurse um Menschen kennenzulernen hat sie nicht unternommen, da ihr das nicht liegt. Ich hatte zudem das Gefühl, dass sie auch kaum Kraft dafür hatte, diese ganze Phase des Umzuges und der Eingewöhnung hat sie sehr mitgenommen.
Dann wurde sie schwanger und schon in der Schwangerschaft ging es ihr nicht gut. Sie hatte große Ängste davor, später mit dem Kind alleine zu sein. Wie gesagt, Eltern und Freunde sind weit weg und ihr Freund arbeitet sehr viel. Sie ist zu einem Geburtsvorbereitungskurs gegangen, aber da fand sie alle (bis auf eine andere werdende Mama) eher unsympathisch.
Nach der Geburt war sie direkt unter Stress, da 10 Tage danach ihre Schwiegermutter zu Besuch kam. Sie hat zwar nicht in deren Wohnung übernachtet, aber die beiden haben nicht das beste Verhältnis und meine Freundin hat sich schon sehr unter Druck gesetzt gefühlt, funktionieren zu müssen. Zudem scheint ihr Freund dann auch immer auf der Seite der Mutter zu sein, da er sich ihr gegenüber nicht durchsetzen kann. Er selbst war nach der Geburt irgendwie von der Tatsache "Baby im Haus" überfordert. Also damit, dass ein Baby schreit und dass das nicht bedeutet, dass die Mutter etwas falsch gemacht hat. Dann hatte die Kleine zudem auch noch eine Hirnhautentzündung (zum Glück nur eine virale, ihr ging es schnell besser). Aber die Tatsache dass ihr Baby so schwer krank war, so schlimm geschrieben hat, hat dann die ganze Situation für meine Freundin zum Eskalieren gebracht. Sie hat ihre Kleine überall und nur noch schreiben gehört (z. B. unter der Dusche). Sie hatte nicht mehr das Gefühl, sich um die Kleine kümmern zu können, so dass ihr Freund einige Tage zu Hause geblieben ist um sich zu kümmern. Sie hat dann irgendwann mit ihrer Gynäkologin gesprochen, die ihr die Nummer eines Psychiaters gegeben hat. Dieser hat dann die postnatale Depression diagnostiziert und ihr ein Medikament verschrieben. Zudem meinte sie, dass das etwas körperliches in ihrem Fall ist. Kann das sein? Ist das nicht immer etwas psychisches?
Nach dieser Diagnose hat sie nicht in Erwägung gezogen, sich zusätzlich noch anderweitig helfen zu lassen.
Während dieser Phase hatte sie nicht das Gefühl, dass ihr Freund sie auf irgend eine Art und Weise unterstützen würde, da er nicht "auf die Idee gekommen" ist, sich zu informieren, Ärzte zu googlen oder ähnliches. Laut ihrer Aussage hätte er sie "verrecken lassen", so empfindet sie es wohl. Das kann ich als Außenstehende nicht beurteilen. Er mag nicht richtig gehandelt haben, aber er ist vermutlich auch ein wenig überfordert, hat zudem soziales Verhalten etc. in der Kindheit nicht gelernt.

Meine Freundin war sehr unzufrieden mit der Situation, mit der Diagnose an sich (obwohl sie wohl schon während der Schwangerschaft damit gerechnet hat dass sie nach der Geburt darunter leiden wird), dass sie "schon wieder" Medikamente (hat sie vor ein paar Jahren schon mal) nehmen muss, sich quasi ausschaltet. Inzwischen hat sie sich glaub ich damit abgefunden. Aber ich habe das Gefühl, dass sie jetzt zu Hause sitzt, dank der Tabletten „funktioniert“ und abwartet, dass die drei wieder in den Norden zurück ziehen (was nächstes Jahr, aber auch erst übernächstes Jahr soweit sein kann). Sie hat Kontakt zu einer der Mütter aus dem Vorbereitungskurs, die Treffen tun ihr glaub ich auch ganz gut. Sporadischen Kontakt zu zwei ihrer Kolleginnen, das empfindet sie mal so und mal so. Ansonsten hat sie alles abgeblockt was sie machen könnte. Zitat: Sie ist noch nie in Kurse gegangen, warum sollte sie das also jetzt plötzlich tun. Ich mein, es gibt doch auch Kurse für Mama und das Baby. Einfach um mal raus zu kommen. Es müssen ja jetzt nicht plötzlich haufenweise Kurse sein und sie muss ja nicht sofort besonders enge Freundschaften schließen. Aber mal was anderes sehen...

Ich glaube sie kann im Moment nur sehen, was ihr alles widerfahren ist seit dem Umzug und dass immer sie was machen muss (zum Psychiater, Medikamente nehmen etc.) und findet das so furchtbar unfair, da sie ohnehin dagegen war nach Bayern zu ziehen.
Ihre Hoffnung liegt in einem Umzug in den Norden, ich vermute dass sie denkt, dass dann alles wieder gut ist. Aber so wie es ihr jetzt geht wird sie selbst in ihrer Heimat eine Weile brauche bis es ihr wieder richtig gut geht und sie alles verarbeiten konnte.

Wenn es ihr nicht gut geht ist sie zum Teil sehr aggressiv in dem was sie erzählt, so dass ich gar nicht weiß, wie ich konkret damit umgehen soll (eine Zeit lang war das sehr schlimm, es ist jetzt besser). Ich habe immer versucht, ihr Vorschläge zu machen, einen Therapeuten aufzusuchen, Ablenkung durch Austausch mit anderen (Müttern), Selbsthilfegruppe, Gruppen von Personen die ebenfalls neu in der Stadt sind (soziale Netzwerke) etc, ihr insgesamt gut zuzureden und sie zu motivieren. Doch mir ist immer sehr scharf über den Mund gefahren worden. Ich würde mich nicht auskennen, ich kann das nicht beurteilen, immer diese scheiß Ratschläge. Natürlich stecke ich da nicht drin, aber muss ich das denn um eine gute Freundin zu sein oder meine Meinung (vorsichtig) zu äußern?
Ich habe es inzwischen aufgegeben Dinge zu kommentieren, ihr etwas zu raten oder Vorschläge zu machen. Dazu fehlt mir auch inzwischen die Kraft. Mich nimmt das alles sehr mit, ich weiß nicht mehr was ich tun soll, wie ich mich richtig verhalten kann.
Ich mag ihr schon gar nichts mehr aus meinem Leben erzählen, um keine traurigen Gefühle in ihr auszulösen. Also zum Beispiel Dinge die ich im Alltag unternehme, da sie dann oft sagt „Du hast es gut, du kannst xy“ oder mich mit meiner Familie treffen („Sei froh, dass du das kannst“).
Dinge bei denen es mir nicht gut geht, die mich beschäftigen lasse ich komplett weg da ich denke, dass sie das eh nicht hören möchte bzw. keine Kraft zusätzlich für meine Probleme hat. Zudem hat mir die Erfahrung gezeigt, dass sie (egal was es ist) meine Probleme nie als so schlimm bewertet wie das was sie durchmachen muss. Das ist soweit auch in Ordnung, ich habe wirklich Verständnis, dass sie sich auf sich selbst konzentrieren muss. Es macht mich nur auch traurig, dass das was wir hatten jetzt schon so lange in den Hintergrund gerutscht ist. So extrem war es noch nie und ich fühle mich hilflos und überfordert.

Ein wichtiger Punkt noch: Der Umgang meiner Freundin mit ihrem Baby ist sehr liebevoll. Der Kleinen scheint es sehr gut zu gehen, sie lacht sehr viel auf allen Bildern die ich bekomme.

Sorry noch mal für den langen Text… und danke für die Geduld beim lesen!
Ich würde mich sehr über Rückmeldungen, Ratschläge und Hilfe freuen.
Danke und liebe Grüße,
Gänseblümchen

Sabrina

Re: Hilfe für meine beste Freundin

Beitrag von Sabrina » 22:01:2016 22:17

Hallo Gänseblümchen,

du hast ja schon ganz schön viel gemacht. Bist eine tolle Freundin :-) Aber sie muss selber drauf kommen, dass sie professionelle Hilfe braucht. Sonst bringt das alles nichts.
Schau doch mal auf der Liste der Selbsthilfegruppe nach, ob es da was in ihrer Nähe gibt und erzähl ich davon. Da kann sie ja ganz unverbindlich mal hingehen. Oder erzähl ihr von Schatten & Licht.

Gänseblümchen36

Re: Hilfe für meine beste Freundin

Beitrag von Gänseblümchen36 » 23:01:2016 15:22

Danke für deine lieben Worte, Sabrina.
Nach unserem letzten Telefonat hat sie mir geschrieben dass sie nicht mehr darüber reden möchte wie es ihr geht (ich hatte sie gefragt, wir hatten uns eine Weile nicht gesprochen) da es darauf aufgrund der Tabletten für sie keine Antwort gibt. Sie hat wohl dass Gefühl dass nichts was sie fühlt echt ist... Kennt das jemand? Ich akzeptiere und respektiere ihren Wunsch natürlich, aber es fällt mir schwer...Nächsten Monat fahre ich sie besuchen, dann können wir gemeinsam etwas unternehmen und ich bekomme einen kleinen Einblick in ihren momentanen Alltag.
Ich denke dass ihr im Moment alles zu anstrengend ist, dass der Schritt zu professioneller Hilfe aus ihrer Sicht zuviel Kraft kostet. Dass sie es... "aussitzt" und schaut die Tage so gut wie möglich zu verbringen...
Wie verhalte ich mich ihr gegenüberdenn am besten? Ich würde versuchen so normal wie möglich zu sein um ihr nicht dass Gefühl zu geben dass bei ihr etwas nicht "richtig" ist. Aber wie gehe ich damit um wenn sie wieder einen Ausbruch hat, verzweifelt ist, alles verabscheut, schimpft... höre ich dann "nur" zu...?

Von Schatten und Licht habe ich ihr vor einer ganzen Weile schon berichtet, der Möglichkeit sich hier Hilfe zu holen und sich auszutauschen. Das hat sie aber abgebügelt.
Sabrina, deinen Tipp mit der Selbsthilfegruppe finde ich gut, da werde ich mal schauen. Vielleicht ergibt sich bei meinem Besuch ja eine Gelegenheit.

Danke und liebe Grüße
Gänseblümchen

Sabrina

Re: Hilfe für meine beste Freundin

Beitrag von Sabrina » 23:01:2016 20:46

Weist du denn was sie für ein Medikament nimmt? Also ich nehme ein Antidepressivum und ich bin heil froh, dass es das gibt. Dadurch kann ich wieder ein normales Leben führen. Dass die Gefühle nicht echt sein sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Finde ich ganz im Gegenteil. Durch die Depression kommen diese guten Gefühle in den Hintergrund. Durch das Medikament kommen sie wieder besser zum Vorschein.

Dass sie nicht mehr gefragt werden will wie es ihr geht, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hasse diese Frage auch :mrgreen:

Ja, sei einfach ganz normal. Geht shoppen oder so was. Eben was was das Herz einer Frau höher schlagen lässt :wink:

Gänseblümchen36

Re: Hilfe für meine beste Freundin

Beitrag von Gänseblümchen36 » 10:02:2016 17:39

Ich weiß leider nicht, wie ihr Antidepressivum heißt. Sie kann mit der Dosis wohl variieren, je nachdem wie es ihr geht. Also wenn sie einen schlechten Tag hat nimmt sie 30mg statt 20mg, soweit ich weiß. Möglicherweise hat es sich inzwischen auch stabilisiert, zumindest ist es mein Eindruck, dass es ihr etwas besser geht insgesamt.
Ich bin sehr gespannt auf unser Treffen und freue mich schon sie zu sehen.
Ich werde auf jeden Fall deinem Rat folgen, Sabrina, und schauen, dass wir schöne Dinge unternehmen.

Ein bisschen aufgeregt bin ich dennoch und habe irgendwie Angst mich falsch zu verhalten, ihre Gefühle zu verletzen oder ihr nicht die Art von Freundin sein zu können die sie braucht.

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