Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

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The Secret
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Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von The Secret » 09:10:2015 23:48

Hallo

Hattet ihr das auch ? Nach Therapiebeginn hab ich ja plötzlich mehr "Zeit" mal über mein Leben nachzudenken, wo ich bisher nur für alle anderen immer gesorgt habe...habe ja garnicht mehr gemerkt, wie ich mich nicht mehr um mich gekümmert habe oder dass ich ja kaum noch Dialoge mit anderen geführt habe. Nun habe ich komischerweise und sehr erschreckend für mich Gedanken gehabt, ob mein Mann und ich denn so noch zusammenpassen. Ich achte jetzt ja viel mehr auf mich und alles um mich. Daher achte ich auch jetzt drauf ob und wieviel wir miteinander kommunizieren und worüber. Ist das normal? Das macht mir irgendwie Angst, denn eigentlich will ich garnicht daran zweifeln ob wir noch für einander gemacht sind. Ob das Vllt auch eine Art Zwangsgedanke sein kann? Er kommt nicht so wie die Zwangsgedanken, die ich vor paar Monaten immer gegen mich hatte.
1. Kind Mai 2011 (keine Symptome)
2. Kind Juni 2014 (keine Symptome)
Symptome 1 Jahr später also seit Juni 2015
Sertralin 25mg seit 28.7.15, 50 mg seit 4.8.15
Symptome: Depressionen, Ängste, Zwangsgedanken, Panikattacken
Diagnose unklar: PTBS, PPD, Burn Out, Östrogenmangel, ...
Verhaltenstherapie von August 2015 bis Dezember 2016.
August 2016 1. Ausschleichversuch gescheitert.
Seit Anfang Januar 2017 zweiter Ausschleichversuch.

suzilizzy

Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von suzilizzy » 10:10:2015 9:38

Das ist glaube ich ganz normal, dass man beginnt über sein leben nachzudenken, das macht ja das Wesen einer Therapie aus. Irgendwas ist schief gelaufen bzw. Läuft schief und man muss raus finden was es genau ist. Wie soll das ohne nachdenken funktionieren :-)
Bei mir war es auch so, dass ich meine Beziehung zu meinem Mann bis aufs kleinste durchleuchtet und sich in Frage gestellt habe. Auch das ist wohl normal, denn schließlich sind unsere Männer ein wesentlicher teil unseres Lebens. Ohne sie gäbe es unsere Kinder nicht und ein stueckweit ist es auch deren Aufgabe auf uns aufzupassen. Habe mir oft gedacht, dass mein Mann nicht richtig auf mich auf gepasst und daher Mitschuld an meiner Depression hat. So habe ich auch kurzzeitig eine Trennung in Betracht gezogen.
Mittlerweile sage ich mir, dass keiner ahnen konnte, dass alles so weit kommt und er und ich für die Zukunft etwas lernen müssen, damit es nicht mehr so weit kommt.
Neulich, als ich ziemlich gestresst und fertig war, kam er zu mir und meinte *kann ich was tun? muss ich was tun?* das wäre vor einem Jahr bei ihm noch nicht denkbar gewesen. Es ist also auch bei ihm was passiert.
Ich weiss nicht, was es bei dir ist, was dich am derzeitigen stand deiner Beziehung stört, aber sprech es an und gib ihm die Chance etwas zu aendern.

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Marika
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Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von Marika » 10:10:2015 9:58

Hallo,

das ist auf jeden Fall normal, erwünscht und hat gar nichts mit ZG zu tun. In der Therapie geht es ja gerade darum, nach zu schauen wo es hakt, sein Leben zu betrachten, kritisch zu hinterfragen. Da gehört auch die Partnerschaft dazu. Nur weil du dir jetzt in dem Bereich auch Gedanken machst, heißt das noch lange nicht, dass euer Paar - sein nicht mehr stimmt. Eure Partnerschaft kann aber GERADE durch dieses "Durchleuchten" auf einer ganz neuen für dich GESUNDEN Ebene stattfinden - das gilt für alle Bereiche des Lebens.

Das ist natürlich manchmal so gar nicht angenehm - dieses "Ausmisten". Man hat sich ja auch so seine Komfortzonen eingerichtet, die sehr angenehm wirken, oft aber für unsere psych. Gesundheit nicht unbedingt förderlich sind.

Ganz ehrlich: manche Paare überstehen diese Zeit nicht - aber dann meine ich, war die Partnerschaft generell nicht gerade stabil. Auch meine Beziehung hat damals "her halten" müssen. Mehr Selbstvertrauen, plötzlich auch mal "nein" sagen usw., irritiert einen Partner logischerweise. Auch unsere Männer brauchen Zeit um erst mal die Erkrankung zu akzeptieren, zu verdauen und dann in weiterer Folge auch noch eine gewisse Veränderung der Partnerin zu verstehen.

Auch wir hatten so eine Phase - wir standen auch vor der Frage: geht es weiter? Es ging weiter, es hat unsere Partnerschaft auf eine ganz neue Ebene gebracht - nämlich auf Augenhöhe in unserem ganz speziellen Fall. Wir haben heute eine viel erfülltere und schönere Beziehung als vor der PPD, dabei hat vor allem mein in der Krise neu erworbenes Selbstvertrauen eine große Rolle gespielt.

Versucht euch auf diesen Prozess ein zu lassen - er kann sehr reinigend sein. Und er birgt die große Chance auf eine ganz neue Lebensqualität.
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

Graureiherin
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Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von Graureiherin » 12:10:2015 22:33

Hallo Du,

ich stimme meinen Vorschreiberinnen zu. Es sind keine ZGs und ein "Durchleuchten" findet statt.

Ich musste bei Deinem Beitrag an die Anfänge meiner allerersten Therapie denken. Ich habe damals fast alles in Frage gestellt, mich in vielen "Psychobüchern" wiedergefunden... aber irgendwann kam dann die Zeit und mein Blick hat sich auf das Wesentliche konzentriert und irgendwann war es so, dass ich sagen konnte "also das bin ich nicht... nein! das habe ich nicht... so bin ich völlig in Ordnung... hier muss ich nichts ändern...".

In jedem Fall ist es eine spannende, ergebnisreiche, wenn auch anstrengende Zeit.

mit herzlichem Gruß
die Graureiherin
postpartale Zwangserkrankung 10/2012
Cipralex bis 2014
Rückschlag 2015, wieder Escitalopram bis 15mg
seit Mai 2016 Escitalopram 10 mg
seit Juni 2017 6 mg Escitalopram
Verhaltens- und Gesprächstherapie

The Secret
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Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von The Secret » 13:10:2015 11:12

Ja Marika...die "Krankheit" verdauen und dann das wachsende Selbstbewusstsein und die teilsändernde Persönlichkeit der Partnerin sind schon ein kleiner/großer Batzen, aber bin zuversichtlich dass das klappt. @ graureiherin: ja genau das tue ich nämlich auch. Ich sehe mich in vielen Psychobüchern wieder, aber kann mir nicht vorstellen, dass ich mich komplett ändern sollte. Einige Dinge, da bin ich mir sicher, möchte ich definitiv ändern. Zum Bsp möchte ich versuchen Konflikte direkt anzugehen. War extrem konfliktscheu geworden. Und hab vieles in mich reingefressen, was mich extrem viel Energie gekostet hat. Aber es ist interessant zu erfahren, dass du dann eine Wende gesehe hast...dich nicht verändern musst etc. wie kam das?
1. Kind Mai 2011 (keine Symptome)
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Marika
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Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von Marika » 15:10:2015 7:55

Hallo,

ich bin zwar nicht Graureiherin, aber ich möchte kurz schreiben, wie ich diese "Wende" empfunden habe:

Gerade diese Konfliktscheue habe ich auch gehabt, konnte schlecht "nein" sagen. Ich habe gemerkt, dass ich mein "Ich" NICHT ÄNDERN muss, sondern weitere ANTEILE dazu gewinnen kann. Also das "nein" sagen üben in kleinen Dingen und dann auch bei großen einsetzen - das hat aber nicht bedeutet, dass ich meine eher gutmütigen Wesenszüge "ablegen" musste. Bei Konflikten: diese wirklich versuchen durch zu stehen - aber deswegen mein Harmoniebedürfnis nicht hergeben zu müssen ... das war für mich ein Meilenstein.

Wir können uns nicht einfach so "ändern" und sollten das auch nicht versuchen - denn wir sind wer wir sind und dazu dürfen wir mit Stolz stehen. Aber wir können neue Bausteine zu unserer Grundpersönlichkeit hinzu fügen und so ein gesundes Gleichgewicht entstehen lassen.
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
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Graureiherin
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Re: Nach Therapiebeginn viel über sein Leben nachdenken ?

Beitrag von Graureiherin » 19:10:2015 10:59

Hallo secret,

ich bin nicht täglich hier im Forum, deswegen erst jetzt eine Antwort zu Deiner Frage.

Ganz grundsätzlich meinte ich, dass ich zu Beginn der Therapie sehr sensibel auf alles reagiert habe. Ich habe sozusagen "alles" eingeladen, "alles" in Frage gestellt. Nach Jahren wurde mir immer mehr klar, dass ich in Teilen schon ganz wunderbar bin und gar nichts ändern muss. Bzw. "nur" noch den Restschliff reinbringen...

Zu Marikas Aussage kann ich noch einen Dialog mit meiner Thera hinzufügen:

Ich "hmmm, vielleicht bin ich dann in ein paar Jahren, nach erfolgreicher Therapie, ein anderer Mensch. Das wäre ja wunderbar".
(in der Vorstellung :D sah ich mich schon als attraktive, mit langem wallenden Haar ausgestattete, argumentativ unangreifbare, intellektuelle, retorisch gewandte, angstfreie, bewundernswerte, absolut einmalige Superfrau- :D :D :D )

Thera "Nein, sie werden kein anderer Mensch sein. Sie bleiben die Person die sie sind. Sie werden jedoch Dinge hinzu lernen, wenn sie sich darum bemühen und gut mitarbeiten."

mit lieben Grüßen
die Graureiherin
postpartale Zwangserkrankung 10/2012
Cipralex bis 2014
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